Erfolgreiches Konzept gegen Vandalismus

Der Wille zu zerstören muss entstehen,
wenn der Wille, etwas zu schaffen,
nicht befriedigt werden kann“.

 

Erich Fromm


Gegen Vandalismus - Ein erfolgreiches Schulkonzept

Eine Hauptschule mit 500 Schülern gänzlich ohne Graffiti?
Eine Schule inmitten sozialer Brennpunkte mit minimalen Schadensmeldungen?

Oder noch „handfester“ gefragt: Eine öffentliche Schule, die jedem Besucher guten Gewissens gar die Benutzung ihrer Schülertoiletten anbietet?

Das gibt es! Die Heinrich-Bußmann-Schule (Städt.-Gemeinschafts-Hauptschule) in Lünen ist ein überzeugendes und beredtes Beispiel: Inzwischen landesweit bekannt als „die etwas andere Hauptschule“ erfreut sie sich – ganz gegen den Trend – großer Beliebtheit. Seit Jahren ist die Heinrich-Bußmann-Schule „ausgebucht“, hat sogar Wartelisten (!) und arbeitet nicht nur in raumtechnischer Hinsicht am Limit.

Die Heinrich-Bußmann-Schule legt Wert darauf, eine „offene Schule“ zu sein, freut sich über die vielen interessierten Besucher (erst im März 2008 überzeugte sich auch Frau Ministerin Sommer vor Ort) und gibt bereitwillig Auskunft:

 
1) Je problematischer das häusliche Umfeld für den einzelnen Schüler ist, desto mehr ist Schule nicht nur ’Haus des Lernens’ sondern auch Lebensraum für den Schüler. Je unfreundlicher sein Zuhause ist, desto freundlicher muss die Schule sein, je mehr Kälte das Kind draußen erfährt, desto mehr Wärme, Geborgenheit und Zuwendung benötigt es in seiner Schule. Je weniger Spiel-Raum das Schulumfeld bietet, desto mehr davon muss die Schule bereitstellen.

Kaum vorstellbar ist es für einen mittelschichtsorientierten Erwachsenen ,wie langweilig, abwechslungsarm und einseitig Hauptschüler oft ihre Ferien verbringen und sich deshalb regelrecht auf den Wiederbeginn der Schule freuen. Kaum nachvollziehbar, dass bereits um 7.00 Uhr – auch im Winter! – Schülergruppen auf den Unterrichtsbeginn einer Stunde warten.

Die Gründe hierfür liegen in einem offensichtlichen gesellschaftspolitischen Problembereich, der hier nicht zu diskutieren ist.

Die betroffenen Schüler dürfen zu Recht Zuwendung in ihrer Schule erwarten, vor allem auch einen gestalteten schülergerechten Lebensbereich, kurz ein Ambiente, das Wohlfühlen erlaubt.

 

2) Aus der Not heraus entwickelte die Heinrich-Bußmann-Schule deshalb vor ca. 15 Jahren ihr Konzept „Wir bauen unsere Schule selbst“. Seitdem wurde an- und ausgebaut, erweitert und renoviert, das gesamte Schulareal gestaltet – und zwar weitgehend in Eigenregie, von Schülern selbst, von Lehrern und Eltern.

Alle Wände sämtlicher Gebäude tragen innen und außen die Handschrift von Schüleraktivitäten, handwerklich wie auch künstlerisch. Kein Pausenhof, kein Spiel- und Sportbereich, kein Biotop oder grünes Atrium, keine Grillhütte oder Lernpyramide, kein Kräuter- oder Pflanzgarten usw., wo sich nicht Schüler bleibend und sichtbar eingebracht haben. Im Laufe seiner Schullaufbahn „verewigt“ sich so jeder Schüler, und sei es auch „nur“ durch ausgestellte Kunstobjekte (selbst im WC-Bereich!).

Mindestens 7 Brunnen plätschern in der Schule und auf dem Schulgelände, Mopedfahrer haben „ihren“ eigenen Parkplatz, die Radfahrer eine bewachte Abstellzone, die Unterstufenschüler ihren eigenen Schulhof uvm..

Die Erfahrung zeigt: Was Schüler selbst geschaffen haben, halten sie auch in Ehren.

 

3) Daraus resultiert ein wichtiger Effekt: Auch ein Hauptschüler kann sich mit seiner Schule identifizieren.

Gelingen kann diese Identifizierungsmöglichkeit natürlich nur, wenn alle am Schulleben Beteiligten mitziehen: Ein rühriger Förderverein, eine aktivierte Elternschaft, viele Sponsoren, ein engagiertes Kollegium und vielfältig genutzte gesellschaftspolitische Kontakte. Unter diesem Aspekt gewinnen so einfache Dinge wie Schultrikots, eine Schulfahne, ein Schulsong, Teilnahme an Wettbewerben, Ausstellungen usw., kurz eine aktive, positive Wirkung nach außen an Bedeutung.

 

4) Wollen wir einen Hauptschüler, der nicht negativ auffällt, nicht randaliert oder zerstört, müssen wir sein Selbstwertgefühl stärken. Das „Restschülerimage“ ist kontraproduktiv.

Der Heinrich-Bußmann-Schüler kann auf vieles stolz sein; Seine Schule hat einen überdurchschnittlich guten Ruf, schneidet bei Lernstandserhebungen überdurchschnittlich ab, bietet auch im unterrichtlichen Bereich Überdurchschnittliches an: Man kann im Sportunterricht u. a. auch Schach oder Tennis belegen, kann Gitarrenspiel üben oder in einem Blasorchester verschiedenste Instrumente erlernen, kann sich in der Schule zum Streitschlichter oder Schulrettungssanitäter ausbilden lassen, kann seine Kunstunterrichtsarbeiten (von Töpfern über Malen, Zeichnen und plastischem Gestalten bis zum textilen Arbeiten) auch in außerschulischen Ausstellungen sehen (u. a. Rathaus Lünen, Rathaus Zwolle (NL), „The Lowry“/Kulturzentrum in Salford (GB) usw.). Er freut sich über Sporterfolge seiner Schule, nimmt an den Sozialtrainingsseminaren „in der Wittbräucke“ teil, er weiß, dass eine engagierte Schulsozialarbeit sich jederzeit seiner persönlichen Nöte annehmen kann, uvm..

Der Heinrich-Bußmann-Schule ist klar: Wer hinreichend Selbstwertgefühl besitzt, muss sich nicht durch „Randale“ und Vandalismus profilieren.

 

5) Ebenso wichtig ist es, z. B. einem pubertierenden Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, seine „überschüssigen Kräfte“ sinnvoll zu kanalisieren.

Dazu tragen die erwähnten differenzierten Angebote im Sportbereich ebenso bei wie eine „aktive Pause“. In der Aula musizieren und tanzen Schülergruppen, auf dem Schulhof gibt es sowohl ruhige Kommunikationsbereiche wie auch Sportmöglichkeiten (z. B. ein offener Sportplatz für Ballspiele, Tischtennisplatten wie ein separater Rasenbereich für Schüler der Unterstufe). Dies gilt natürlich auch für Angebote außerhalb der Schulpausen.

 

6) Fehlverhalten geschieht dennoch immer. Entscheidend ist, dass an der Heinrich-Bußmannn-Schule eine Kultur des Hinschauens herrscht: Alle Beteiligten (Lehrer wie Mitschüler) schauen nicht weg, wenn ein Streit eskaliert, ein Schadensfall sich entwickelt o. ä.. Und da alle von dieser konsequenten Grundhaltung wissen – auch wenn es oft unangenehm ist und Arbeit macht – , wirkt dies in der Regel hinreichend präventiv.

 

7) Ist dennoch ein Schadensfall entstanden, ob materiell oder an Personen, so gilt eine nachhaltige Ermittlung von Schadenshergang und Beteiligten. Auch das ist jedem Heinrich-Bußmann-Schüler bewusst. Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass ich nicht „petze“, wenn ich zur Aufklärung eines Schadens an „meiner Schule“ (s. o.!), also an etwas, was ich mir zurechne, beitragen kann. In der Regel greift dadurch auch das Verursacherprinzip hinsichtlich der Schadensregulierung – mit pädagogisch erwünschtem und volkswirtschaftlich positivem Effekt.

Aufgrund dieser konsequenten Verfahrensweise konnten Gelder, die der Schulträger für Schäden bereitstellen muss in erheblichem Umfang eingespart und in pädagogisch sinnvolle Maßnahmen „umgeleitet“ werden.

 

Autor: Jürgen Arnhold, Konrektor der HBS